Heute ist Feiertag. Meine Freundin ist für einige Wochen ortsabwesend, gestern Abend war ich beim regionalen Council, mir schwirrt noch der September-Monatsbrief im Kopf herum und ich habe mir vorgenommen, einen Blogbeitrag über mein Firming 2026 zu schreiben.
Ich könnte natürlich auch einfach nichts tun. Oder ein paar Aufgaben im Homeoffice erledigen. Auto aussaugen und Haushalt stehen ebenfalls noch auf meiner nie enden wollenden imaginären To-do-Liste. Mein innerer Kritiker meldet sich jedenfalls schon deutlich zu Wort.
Männerpfade kenne und schätze ich jetzt seit gut einem Jahr. Ich habe inzwischen an verschiedenen „Veranstaltungen“ teilgenommen, die bei mir einen Prozess ausgelöst, verstärkt oder vielleicht auch einfach in Gang gebracht haben. Es macht „irgendwas“ mit mir oder in mir. So ganz genau weiß ich das gar nicht.
Deshalb möchte ich hier auch gar nicht chronologisch vom Firming2026 berichten – dann bräuchte ich eigentlich nur meinen Tagebucheintrag hier einfügen
–, sondern ein paar Szenen herausgreifen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Obwohl ich den Wald rund um Eisenach, unterhalb des Rennsteigs und unweit der Wartburg, schon ein wenig kannte und auch ungefähr abschätzen konnte, was mich dort erwartete, hat das Firming einiges bei mir in Bewegung gebracht. Vier Tage Männerarbeit, Councils, die vier Archetypen Magier, Liebhaber, Krieger und König und ein 24-Stunden-Solo im Wald.
Mit den Archetypen tat ich mich zunächst etwas schwer. Ich wollte natürlich wieder einmal ganz genau verstehen, wie das alles gemeint ist. Müssen diese vier Kräfte immer gleich stark sein? Ist das das Ziel? Wann brauche ich welche? Wie passen die Himmelsrichtungen dazu? Frage ich mich jetzt vor jeder Handlung: Welche Kraft brauche ich gerade und wie viel davon?
Mein Kopf hatte also – wie immer – gut zu tun.
An einem Abend saßen wir nach dem Essen am Lagerfeuer. Es war eine schöne Stimmung und irgendwann fragte ich in die Runde, ob jemand etwas dagegen hätte, wenn wir gemeinsam beteten. Als niemand etwas dagegen hatte, fügte ich schnell hinzu, dass ich allerdings nur das Vaterunser könne. Einer aus dem Orga-Team meinte, das sei ja schon einmal ein guter Anfang.
Also beteten wir gemeinsam das Vaterunser.
Das war schön.
Beim 24-Stunden-Solo zog jeder von uns allein in den Wald. Kein Essen, kein Handy, kein Kontakt zu den anderen. Nach vielleicht zehn Minuten fand ich meinen Platz. Zwei Buchen standen dort, genau richtig für meine Hängematte. Eine ältere und eine jüngere.
Sie kamen mir vor wie Vater und Sohn.
Der jüngere Baum hatte eine ovale Wunde am Stamm.
Auch das passt zu mir, dachte ich. Und ich musste an den Satz denken, den man uns mit auf den Weg gegeben hatte:
Der Platz findet euch.
Ich war natürlich super vorbereitet für das „Outback“: Hängematte, Ratschengurte, Gummigurte, Plane und diverse andere Dinge hatte ich dabei. Während andere mit ihrem Rucksack loszogen, hatte ich zusätzlich ganz pragmatisch noch je eine Einkaufstasche in jeder Hand.
Typisch Pino!
Später sagte einer der Männer anerkennend zu mir, er finde es klasse, wie ich fernab jeder Camping-Konvention meinen eigenen Weg gegangen sei. Meine Antwort war weniger philosophisch: Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich sonst mein ganzes Zeug transportieren sollte.
Etwas anderes hatte ich vor dem Firming überhaupt nicht auf dem Zettel.
Wir waren gerade einmal zehn Männer – und dort begegneten mir gleich zwei Geistliche. Einer gehörte zum Organisationsteam, der andere war wie ich Teilnehmer.
Jetzt, während ich das hier schreibe, muss ich über diesen Zufall ein wenig schmunzeln: Wenn ich werktags spontan vor einer Kirche stehe, erwische ich nicht selten eine verschlossene Tür. Aber ich fahre zu einem Firming und treffe dort unter zehn Männern gleich zwei Geistliche!
Und ausgerechnet zu diesen beiden Männern fühlte ich mich auf eine besondere Weise hingezogen.
Im Abschluss-Council erzählte ich schließlich davon. Ich sagte, dass ich da genauer hinschauen möchte. Was ist da eigentlich bei mir? Glaube, Religion, Spiritualität? Vielleicht wieder öfter in die Kirche gehen und einfach nachspüren, was mich da eigentlich so angezogen hatte.
Dann war das Firming vorbei.
Dabei liegt es gerade einmal drei Wochen zurück. Aber der Alltag hatte mich so schnell wieder fest im Griff, dass ich manchmal fast denken könnte, ich wäre gar nicht weg gewesen.
Vielleicht habe ich deshalb mein Zelt ganz bewusst noch nicht auf den Dachboden gebracht. Es liegt immer noch in meiner Wohnung. Quasi als sichtbarer Beweis dafür, dass ich weg war. Gelegentlich rieche ich auch daran und nehme sofort wieder diesen gespeicherten Grasgeruch wahr.
Aber irgendwann muss das Zelt natürlich von der Wohnung auf den Dachboden.
Und gerade beim Schreiben denke ich: Da ist es schon wieder. Ein Gefühl muss bei mir am besten immer gut begründet werden, wie eine Rechtfertigung. Dann ist es erst für mich und für alle valide und unumstößlich.
Dabei könnte das Zelt vielleicht auch einfach noch da liegen, weil ich es schön finde.
Ein Gedanke vom Firming war jedenfalls nicht verschwunden. Ich wollte schauen, was es mit Kirche, Beten und Spiritualität bei mir auf sich hat.
Wobei das eigentlich nicht ganz richtig formuliert ist. Denn mir fiel auf: So neu ist das alles gar nicht.
Ich bete, seit ich ein Kind bin. Ich war Messdiener und habe einige Sakramente empfangen. Auch als Erwachsener bete ich regelmäßig. Mit meinem verstorbenen Vater führe ich seit vielen Jahren auf meine Art ein inneres Gespräch. Kirchen, Klöster, Kerzen und Rituale ziehen mich schon lange an. Über meine Bürotür zu Hause habe ich vor Jahren ein handgeschnitztes Holzkreuz angebracht.
Nur war das immer etwas sehr Privates. Ich habe darüber kaum gesprochen und diesen Teil von mir nicht besonders nach außen gezeigt.
Vielleicht war deshalb das gemeinsame Vaterunser am Lagerfeuer für mich doch etwas Besonderes.
Am 33. Todestag meines Vaters in der vergangenen Woche besuchte ich dann eine heilige Messe. Zum ersten Mal hatte ich diesen Tag ganz bewusst mit einem Gottesdienst verbunden. Ich wollte alleine hingehen und einfach schauen, was mit mir passiert.
Die große Eingebung hatte ich nicht.
Aber ich war da.
Ich hörte die Orgel, roch den Weihrauch, sah die Kerzen, den Priester, den Mann mit den Glocken und die Frau mit dem Rosenkranz. Ich verstand manches und manches nicht. Eine fremde Frau sprach mich an. Der Priester gab mir die Hand. Zwischendurch hatte ich leichte Tränen in den Augen.
Und irgendwann ging ich wieder nach Hause.
Eine Woche später saß ich wieder dort.
Vielleicht geht es für mich deshalb im Moment gar nicht so sehr darum, herauszufinden, ob ich religiös oder spirituell bin und welches Etikett dazu passt. Vieles davon war offenbar sowieso schon lange in mir.
Ich möchte mein Innenleben künftig etwas mehr nach außen zeigen. Nicht alles und auch nicht jedem gegenüber. Aber ich möchte etwas durchlässiger werden und weniger darüber nachdenken, was der eine oder andere von mir denken könnte, wenn ich etwas von mir zeige, das mir wichtig ist.
Ich möchte auch nicht mehr jedes Gefühl erst erklären und begründen müssen, damit es seine Berechtigung hat.
Wenn mir ein Gottesdienst guttut, dann gehe ich hin.
Wenn ich beten möchte, dann bete ich.
Und wenn ich mit anderen Männern gemeinsam ein Vaterunser sprechen möchte, dann gehört auch das zu mir.
Ohne Rechtfertigung.
Pino

