Rausgehen und bleiben

Bei meiner Ausbildung „Wildnispädagogik“ gehört zu der Sommerwoche auch eine zweitägige Zeit allein in der Natur an einem festen Platz. Ich bin Visionssucheleiter und habe mir die Vorbereitung und die Zeit danach aufmerksam angeschaut. Weniger um es „zu beurteilen“ sondern eher um zu schauen: „Wie machen sie das?“. Was ich mir nicht „von außen“ anschauen konnte war meine Zeit an meinem Platz. 48 Stunden allein mit mir an einem festgelegten Platz. Ich hatte die Ränder markiert, einmal für mich als Orientierung aber auch für all die anderen Wesen im Wald mit der Information: „Hier ist jemand.“ Nach dem Tarpaufbau und dem Einrichten und Verstauen begann es zu regnen. Der Regen ging in einen Wolkenbruch über. Fast war ich versucht, mich in den Regen hinauszustellen. Das Nichtvorhandensein eines Handtuches genügte als Ausrede, es nicht zu tun.

Wir waren am Morgen hinausgegangen zu unserem vorher ausgewählten Platz und das nötige Wasser war auch schon am Ort. Hier wollte ich also jetzt 48 Stunden bleiben? Was hatte ich als „Ablenkung“ dabei? Mein Tagebuch und einen Stift. Aja, zu essen gab es auch nichts, wir sollten in unserer Zeit draußen fasten. Wenn die Sonne schien – das war oft – versuchte ich anhand des Standes eine Uhrzeit zu erraten. Wobei die Uhrzeit eigentlich egal war. Sie sagte mir aber immerhin, wieviel Zeit schon vergangen war. Ich war die ganze Zeit unsicher, ob ich wirklich 48 Stunden draußen bleiben wollte und gab mir die Genehmigung, auch früher zurück zu gehen. Naja, 24 Stunden wollte ich schon „durchhalten“. 24 Stunden, in denen im Wesentlich nichts passiere, mal ein Geräusch hier, mal ein Vogel da. Ja – wir hatten Ideen mitbekommen, was wir in der Zeit machen können: singen, meditieren, Danke sagen. Ich war die meiste Zeit mit Nichtstun beschäftigt. Irgendwann brach die Dämmerung herein und es war Zeit , in den Schlafsack zu kriechen. Trotz Kopfschmerzen (aus dem Koffeinentzug). Ich erwachte am Morgen und stellte erfreut fest, das „kleine Ziel“ 24 Stunden erreicht zu haben.

Ich hatte es mir in einem anderen Zusammenhang angewöhnt, Aufgaben zu halbieren. Ein Beispiel: Ich habe die Außenwände meines Hauses verputzt, wegen der U-Form des Hauses waren das immerhin acht Seiten. Und jede Seite war immer noch so groß, dass es einiger Tage bedurfte, um die Seite zu verputzen. Machmal zog sich das ziemlich. Da habe ich den Trick angewendet zu schauen, wo ungefähr die Hälfte der Arbeit ist. Übrig blieb dann nur die Hälfte der Arbeit. Als ich die Hälfte erreicht hatte – war die Hälfte geschafft und die zweite Hälfte nur noch die halbe Arbeit. Simpler Trick – hat aber funktioniert.

Also, die Hälfte war geschafft. Ich hatte weiterhin die Freiheit, jederzeit zurück gehen zu können. Die Zeit verging und es passiert im Wesentlichen nichts. Also hätte ich auch gehen können. Allerdings erinnerte ich mich an die Worte derer, die uns begleiteten: „Manchmal kommen die Geschenke erst ganz am Ende“. Naja, auf die „Geschenke“ – was auch immer das sein mag – mochte ich jetzt freiwillig doch nicht verzichten. Also blieb ich, Stunde um Stunde. Inzwischen hatte ich doch paar kleine Begebenheiten erlebt, die ich dann nach der Rückkehr im Kreis teilen wollte. Also ganz mit „leeren Händen“ würde ich nicht gehen.

Und dann – plötzlich geschah etwas völlig Unerwartetes, was ich mir bis heute nicht erklären kann. Was ich nur staunend und dankbar annehmen konnte.

Das Draußenbleiben hatte sich also „gelohnt“.

Meine Geschichte habe ich im Kreis erzählt. Die Menschen aus dem Kreis kennen meine Geschichte. Vielleicht kann ich sie später noch mal in einem anderen Kreis erzählen. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Ich hatte mein Geschenk erhalten. Geschenk heißt aber, dass es nichts ist, was ich für mich behalten kann. So habe ich es im Kreis gesagt: „Es kann sein, dass das Geschenk eine fette Aufgabe ist.“

Aus meiner Visionssuche 2011 in Schweden war ich mit dem Satz zurückgekehrt: „Trau Deinen Bildern und teile sie mit anderen“.

Der Satz aus der 48 – stündigen Draußenzeit schließt sich nahtlos an:
„Du kannst Bilder sehen, die andere (vielleicht) nicht sehen können“.

Wow, bin ich froh, dass ich die gesamten 48 Stunden draußen geblieben bin!

Manfred

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